Barrierefreiheit, Diversität und der European Accessibility Act: Ein Interview mit Claudia Ceh

Veröffentlicht am April 30, 2026

Barrierefreiheit, Diversität und der European Accessibility Act: Ein Interview mit Claudia Ceh

Warum Barrierefreiheit eine Aufgabe für alle ist

Nach zehn Jahren als festangestellte Entwicklerin hat Claudia Ceh den Schritt in die Selbstständigkeit gemacht mit einem klaren Fokus: inklusive digitale Produkte, die für alle Menschen zugänglich und nutzbar sind. Sie will Barrierefreiheit bei ihren Kund:innen und in ihren Teams zu einem festen Bestandteil der Arbeit machen nicht als Nebenprojekt, sondern als Qualitätspraxis.

„Ich versuche, das Thema Barrierefreiheit bei meinen Kunden und in dem Team, in dem ich arbeite, als festen Bestandteil zu etablieren. Ähnlich wie es mittlerweile auch beim Thema Code Reviews und Testing der Fall ist."


Ihr technischer Fokus liegt auf JavaScript-Frameworks wie React und Vue. Gerade dort lässt sich laut Claudia schon viel richtig machen, wenn man Accessibility früh mitdenkt. Ihr Punkt ist aber größer als Code: Barrierefreiheit ist aus ihrer Sicht keine Abteilung und kein Spezialistenjob, sondern eine Haltung, die durch alle Gewerke läuft und dabei sollte sich jede Person im digitalen Bereich mit dem Thema auseinandersetzen.

Die häufigsten Barrieren und was der European Accessibility Act daran ändert

Was bedeutet digitale Barrierefreiheit konkret? Die große Linie ist für Claudia klar: Alle Menschen sollen eine Webseite oder App gleich gut verwenden können, unabhängig von Einschränkungen, Alter oder Technik.
Die Stolpersteine, die sie in Projekten immer wieder sieht:
  • fehlende Bildbeschreibungen
  • zu geringer Farbkontrast
  • Formulare, die nicht bedienbar sind
  • keine Tastaturbedienung
  • eine schlechte Überschriftenstruktur

Gerade die letzten beiden Punkte seien kritisch, da diese entscheidend für die Navigation durch eine Webseite sind. Für Menschen mit Screenreader oder reiner Tastaturbedienung entscheidet die saubere HTML-Semantik darüber, ob eine Seite überhaupt nutzbar ist. Hier sieht Claudia eine der größten Wissenslücken: Vielen Entwickler:innen ist nicht klar, wie viel semantisches HTML leisten kann und muss. Ihr Rat bei Problemen in der UI-Umsetzung:

„Als Entwickler:in sollte man immer das Gespräch mit dem Design suchen. Gemeinsam können dann Lösungen gefunden werden."

Der European Accessibility Act erhöht den Druck und das ist aus ihrer Sicht gut so. Barrierefreiheit ist damit für viele Unternehmen keine Kür mehr, sondern gesetzliche Pflicht. Aber das Gesetz allein reicht nicht.

„Man darf nicht vergessen, dass man Barrierefreiheit nicht am Ende ‚schnell' hinzufügt, sondern bereits beim Start des Projektes mitdenken muss."

Wer das Thema erst kurz vor Go-Live öffnet, zahlt mit Rework, Zeit und Nerven. Wer es früh integriert, spart an allen drei Stellen.
Warum das Thema trotzdem oft liegen bleibt? Claudia nennt es die Büchse der Pandora:

„Man hat Angst, sich näher damit zu beschäftigen, weil es zu kompliziert sei, zu viele Änderungen nötig sind oder es einfach zu teuer und aufwändig ist."

Diversität im Team ist Teil der Barrierefreiheit

Accessibility hat noch eine Dimension, die nicht bei HTML-Tags anfängt, sondern bei der Frage, wer überhaupt mitentscheidet, während Produkte konzipiert werden.
Claudia war in ihrer Laufbahn oft die einzige Frau im Team. Lange war das für sie kein Thema, bis Elternzeit und Teilzeit kamen.

„Da ging es mir nie primär darum, die einzige Frau zu sein, sondern gefühlt die einzige Person zu sein, die ihren Fokus nicht mehr nur auf der Arbeit hat."

Ihre Beobachtung: Mehr Diversität würde nicht nur das Arbeitsklima verbessern, sondern die Produkte selbst.

„Generell wäre es hilfreich, wenn mehr Menschen mit einer Behinderung in Firmen und an Projekten arbeiten."

Ein Wendepunkt in ihrer eigenen Laufbahn war die Digital Women* Night in Nürnberg. Jahrelang hatte sie Entwickler:innen-Meetups besucht, die zu 99 Prozent aus Männern bestanden und konnte nie wirklich andocken.

„Erst als ich hier in Nürnberg an den Events der Digital Women* Night teilgenommen habe, habe ich gemerkt, wie toll es ist, mit Frauen aus der Branche umgeben zu sein und sich gegenseitig zu unterstützen."

Community, sagt sie, trägt und kann Brücken bauen, um gemeinsam mehr zu bewegen.

Was Teams jetzt tun können und wo Unternehmen ansetzen müssen

Wenn ein Team Barrierefreiheit noch nie bewusst umgesetzt hat, braucht es laut Claudia vor allem eines: Zeit.

„Dem Team sollte auf jeden Fall Zeit gegeben werden, um sich in diesem Bereich weiterzubilden."

Alles andere – Semantik verstehen, Kontraste prüfen, Tastatur-Navigation testen, Screenreader ausprobieren – folgt aus dieser Grundlage.
Für die Branche insgesamt sieht sie zwei Hebel: Ausbildung und Konzept. Barrierefreie Webentwicklung gehört für sie in Studium und Designausbildung. An der Hochschule Hof unterrichtet sie genau dieses Fach. Ihre Erfahrung: Sobald Studierende verstehen, wie andere Menschen digitale Inhalte wahrnehmen, ändern sie ihre Projekte von selbst.

„Wenn dieses Bewusstsein in das Konzept, Design, die User Stories und dann auch in die Entwicklung übertragen wird, könnte man einige tolle Projekte kreieren."

Für Unternehmen ist Inklusion nach Claudia nicht nur Pflicht, sondern Chance:

„Unternehmen haben die Chance, durch Inklusion innovativ zu sein, und es ist ein Qualitätsmerkmal, wenn ihre Produkte von viel mehr Menschen genutzt werden können."

Und mit Blick auf eine alternde Gesellschaft fügt sie einen Gedanken hinzu, der oft fehlt: Früher oder später ist jede:r von uns selbst darauf angewiesen, dass digitale und nicht-digitale Elemente barrierefrei sind.

FAQ

Was bedeutet digitale Barrierefreiheit? Digitale Barrierefreiheit bedeutet, dass alle Menschen digitale Angebote wie Webseiten oder Apps gleichberechtigt nutzen können, unabhängig von Einschränkung, Alter oder Technik. Sie betrifft Design, Content, Entwicklung und Projektmanagement gleichermaßen.

Welche typischen Fehler machen Entwickler:innen bei Barrierefreiheit? Zu den häufigsten Problemen gehören fehlende Bildbeschreibungen, zu geringer Farbkontrast, nicht bedienbare Formulare, fehlende Tastaturbedienung und eine schlechte Überschriftenstruktur. Oft wird auch unterschätzt, wie wichtig saubere HTML-Semantik für Menschen mit Screenreader oder reiner Tastatur-Navigation ist.

Was bedeutet der European Accessibility Act für Entwickler:innen? Der European Accessibility Act verpflichtet viele Unternehmen, digitale Produkte und Dienste barrierefrei anzubieten. Für Entwickler:innen und Designer:innen heißt das: Barrierefreiheit ist keine Option mehr, sondern muss von Projektstart an mitgedacht werden. 

Wie startet ein Team mit Barrierefreiheit, das bisher keine Erfahrung hat? Der erste Schritt ist Zeit zum Lernen. Danach zahlen sich konkrete Basics schnell aus: saubere Überschriftenstruktur, Tastatur-Navigation, Farbkontraste, Alt-Texte und Screenreader-Testläufe. Was dabei hilft, ist eng mit dem Design zusammenarbeiten, gemeinsam findet man die besseren Lösungen.

Warum hängt Barrierefreiheit mit Diversität in Tech-Teams zusammen? Wer für alle Menschen baut, braucht unterschiedliche Perspektiven im Team. Mehr Diversität, auch durch Menschen mit Behinderung, führt zu Produkten, die tatsächlich mehr Menschen nutzen können. Communities wie die Digital Women* Night in Nürnberg oder das Nürnberg Digital Festival stärken den Austausch und schaffen Anschluss untereinander.
Claudia Ceh ist selbstständige Frontend-Entwicklerin mit Fokus auf digitale Barrierefreiheit. Sie unterstützt Teams bei der Entwicklung barrierefreier Webanwendungen – von der Planung bis zur Umsetzung. An der Hochschule Hof lehrt sie das Modul „Barrierefreie Web Entwicklung" und gibt Workshops für Entwickler:innen. Ihr Wunsch an Gesellschaft und Branche: Teilhabe als Grundrecht verstehen. Dann wird Barrierefreiheit nicht mehr als Last gesehen, sondern als unverzichtbarer Standard.
Contact Person Avatar
Alina Laßen Werkstudentin Marketing & Projektmanagement NUEDIGITAL