Relationale Intelligenz: Der Raum als Gegenpol zur KI
Veröffentlicht am July 22, 2026
KI verändert Systeme und über Jahre gewachsene Gewohnheiten gerade in Rekordgeschwindigkeit. Die Wirkung ist ambivalent: KI erleichtert Prozesse, sie erzeugt aber auch neue Belastungen, und die Studienlage dazu steht noch am Anfang. Was in diesem Wandel bleibt, ist ein Bereich, der zutiefst menschlich ist: Relationale Intelligenz, kurz RI. Sie baut auf emotionaler Intelligenz auf, die sich mit dem Verständnis eigener und fremder Emotionen befasst. RI geht einen Schritt weiter und beschreibt, wie Menschen die komplizierten Dynamiken innerhalb ihrer Netzwerkbeziehungen erkennen und aktiv gestalten. Hier setzt Thomas Dormann an. Er ist Mitgründer des Möbelkollektivs, das seit zehn Jahren Kooperationsräume gestaltet, und der Tech-Community in Nürnberg kein Unbekannter: Das Nürnberg Digital Festival war in der Vergangenheit schon mehrfach zu Gast im Möbelkollektiv.
„Räume umgeben uns dauerhaft und bestimmen unsere Freiheitsgrade, unsere individuelle Ausprägung und unser Verhalten anderen gegenüber, indem sie die Haltung spiegeln, die man authentischerweise als Unternehmen hat"
sagt Thomas. Räume formen also nicht nur Produktivität, sie formen auch die Beziehungsdynamik dahinter. Dort setzt KI gerade neue Maßstäbe, im Guten wie im Schlechten.
Deep Work: Rückzug im Großraum
Mehr Tempo durch KI heißt für Thomas nicht weniger Rückzugsraum, sondern mehr davon. Er kennt das Problem aus eigener Erfahrung:
„Es ist ja so, dass vor allem, wenn man mit KI arbeitet, sehr viel, sehr schnell passieren muss und man auch sehr viele Möglichkeiten hat. Das führt manchmal dazu, dass man eher gehemmt ist in den Entscheidungen, die man trifft."
Seine Antwort darauf ist nicht mehr Struktur, sondern weniger Reibung:
„Ein absoluter Aspekt ist das, möglichst niederschwellig zu halten, die Freiheiten quasi emotional verständlich zu machen und nicht mit einem Regelbuch zu verbinden, das du erst nachlesen musst."
Für introvertierte Menschen mit hohem Deep-Focus-Bedürfnis heißt das: kleine Rückzugsorte innerhalb offener Flächen statt fester Schreibtische.
„Im Grunde als introvertierter Mensch brauchst du verschiedene Rückzugsräume, die in einem Großraum sich als Raum-in-Raum-Lösungen darstellen müssen."
Im Büro des Kollektivs sieht das so aus:
„Wenn du arbeiten willst, entscheidest du, wie du dich fühlst. Manche gehen am liebsten oben aufs Podest, nehmen sich den Tisch, klappen den auf und sitzen dort. Andere gehen ins Work-in und machen die Tür zu. Wenn der Platz besetzt ist, nimmst du den nächsten, der dir gefällt."
Wo KI mehr Optionen und mehr Tempo erzeugt, kompensiert das Möbelkollektiv also nicht mit mehr Regeln, sondern mit mehr niederschwelligen Räumen zur Wahl.
Kreativphasen: Räume, die mitgestaltet werden
Kreativität entsteht laut Thomas selten in neutralen Räumen. Sie entsteht dort, wo Menschen ihre eigene Geschichte sichtbar machen dürfen – ein Kontrast, der im Zeitalter generativer KI an Gewicht gewinnt, weil KI-generierte Inhalte und Designs zunehmend austauschbar und in Sekunden reproduzierbar werden. Ein Beispiel des Kollektivs: die Zusammenarbeit mit Stoffherstellern. Dabei ging es nicht um neue, gekaufte Möbel, sondern um das Weiterleben von Bestehendem.
„Wir haben mit Stoffherstellern gearbeitet, die wir mit Struktur, mit Farbe, mit Haptik und mit einer wirklich auf ihre Charakteristik zugeschnittenen Stilistik einer Heimat versorgt haben, aber individuell mit ihnen zusammen", erzählt Thomas. „Die haben einen Teil ihres Mobiliars mit uns zusammen überarbeitet und behalten, damit sie ihre Geschichte weitererzählen können."
Kein KI-Tool hätte diese Stücke in Sekunden erzeugen können. Ihr Wert liegt gerade darin, dass Menschen sie über Zeit gemeinsam weiterentwickelt haben. Ähnlich verhält es sich mit der Graffiti-Wand im eigenen Büro: Sie entstand ganz am Anfang in einem gemeinsamen Prozess mit dem Team und prägt bis heute Lebendigkeit und Stil des ganzen Raums. Genauso ernst nimmt Thomas verspielte Bürokonzepte, etwa eines, das gemeinsam mit einer Werbeagentur entstand: Figuren an den Wänden, Skulpturen im Raum, eigene Spielstationen. Auch das funktioniert für ihn nur, wenn es zur jeweiligen Unternehmenskultur passt.
Für ein anderes Unternehmen müsste ein Kreativraum ganz anders aussehen, sagt er mit Blick auf die eigene Graffiti-Wand:
Für ein anderes Unternehmen müsste ein Kreativraum ganz anders aussehen, sagt er mit Blick auf die eigene Graffiti-Wand:
„Deswegen können wir das hier gut auch mit den Graffitis widerspiegeln, aber für andere müsste es ja anders aussehen, weil andere anders sind als wir."
Kreativphasen brauchen demnach keine perfekten Räume, sondern echte – mitgestaltet von den Menschen, die sie nutzen, nicht von einem Algorithmus, der Beliebigkeit im Zweifel schneller liefert.
Kollaboratives Arbeiten: „Es entsteht das Dritte"
Den stärksten Effekt auf Relationale Intelligenz sieht Thomas im kollaborativen Modus, wenn Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven im selben Raum aufeinandertreffen. Als Beispiel nennt er einen introvertierten Entwickler und eine extrovertierte Vertriebsperson mit 30 Jahren Altersunterschied.
Genau an dieser Stelle zeigt sich für ihn auch die Grenze von KI als Ersatz für echte Begegnung:
„Du kannst jetzt zum Beispiel in den Chat gehen und deinen persönlichen psychologischen Berater in der KI suchen. Dann hast du als introvertierter Mensch möglicherweise eine enge Bezugsperson, die dich aber nicht nervt. Das kann funktionieren, hält dich aber möglicherweise aus der notwendigen Gesellschaft und den Resilienz fördernden Begegnungen ab, die du eigentlich brauchst."
Am Ende drohe Einsamkeit, „tatsächlich im Büro", wie Thomas es nennt. Deshalb setzt das Kollektiv KI bewusst als Werkzeug ein, nicht als Ersatz:
„KI ist für uns nicht der Feind. Wir bauen gerade an unserer Zebra-KI, die uns aber nicht Antworten liefert, sondern eine Art Wiki-Intelligenz, um uns strategisch als Partner zur Seite zu stehen."
Kooperation zwischen Menschen bleibt für ihn etwas grundsätzlich anderes:
„Wenn jemand anders seine Idee, seine Sicht, seine Aspekte, seine Tagesform mit einbringt, kommt im Idealfall überraschendes, zufällig Geniales raus. Im Zusammenspiel entsteht auch nicht das Eine und das Andere, sondern es entsteht das Dritte."
Diese Haltung nennt das Kollektiv win-win-win:
"Wir halten auch nichts von einem Wettbewerbsdenken oder von einer Skalierung, sondern wir glauben vielmehr, dass wir sowohl als Gesellschaft aber auch als Unternehmen besser wirtschaften." Freiheit und Gemeinschaft sind für Thomas kein Gegensatz: „Ich glaube, Unabhängigkeit, Freiheit, Solidarität ist eine Einheit und nicht ein Gegensatz."
Das ist am Ende auch seine Definition von Relationaler Intelligenz: nicht Einzelleistung optimieren, sondern Beziehungsdynamik gestalten, mit oder ohne KI im Raum.
Das Buch und der Autor
Thomas Dormann ist Mitgründer des Möbelkollektivs (MöKo), das seit zehn Jahren Unternehmen bei der Gestaltung „lebenswerter Arbeitsorte" begleitet, von Raumkonzepten bis zur organisationalen Transformation. Gemeinsam mit Mitautorin Nora Beyer hat er das Buch „Das MöKo-Buch: Wie lebenswerte Arbeitsorte Veränderung in Unternehmen unterstützen" geschrieben, gestaltet von Designerin Nina Metz und illustriert vom Graffiti-Künstler Carlos Lorente. Es fasst zehn Jahre Projekterfahrung des Kollektivs in Case Studies zusammen und ist seit April 2026 direkt beim Möbelkollektiv erhältlich (Buch bestellen). Mehr zur Arbeit des Kollektivs: moebelkollektiv.de
Häufige Fragen
Was ist Relationale Intelligenz?
Relationale Intelligenz (RI) baut auf emotionaler Intelligenz auf. Während emotionale Intelligenz das Verständnis eigener und fremder Emotionen meint, geht es bei RI um die Anerkennung und Gestaltung komplizierter Dynamiken innerhalb von Netzwerkbeziehungen, aus Sicht des Möbelkollektivs die Grundlage kollaborativen Arbeitens der Zukunft.
Relationale Intelligenz (RI) baut auf emotionaler Intelligenz auf. Während emotionale Intelligenz das Verständnis eigener und fremder Emotionen meint, geht es bei RI um die Anerkennung und Gestaltung komplizierter Dynamiken innerhalb von Netzwerkbeziehungen, aus Sicht des Möbelkollektivs die Grundlage kollaborativen Arbeitens der Zukunft.
Warum sind Kooperationsräume für Relationale Intelligenz wichtig?
Weil Beziehungsdynamiken laut Thomas Dormann stark durch die Räume geprägt werden, in denen Menschen zusammenarbeiten. Wie ein Raum gestaltet ist, wirkt sich direkt darauf aus, wie gut Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zueinanderfinden.
Weil Beziehungsdynamiken laut Thomas Dormann stark durch die Räume geprägt werden, in denen Menschen zusammenarbeiten. Wie ein Raum gestaltet ist, wirkt sich direkt darauf aus, wie gut Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zueinanderfinden.
Wie unterstützen Räume Deep Work in offenen Bürostrukturen?
Durch Raum-in-Raum-Lösungen innerhalb offener Flächen: kleine Rückzugsorte ohne feste Zuweisung, die introvertierten Menschen und konzentrierter Einzelarbeit gerecht werden, ohne sie von der Gemeinschaft zu isolieren.
Durch Raum-in-Raum-Lösungen innerhalb offener Flächen: kleine Rückzugsorte ohne feste Zuweisung, die introvertierten Menschen und konzentrierter Einzelarbeit gerecht werden, ohne sie von der Gemeinschaft zu isolieren.
Worum geht es im MöKo-Buch? Das Buch „Das MöKo-Buch: Wie lebenswerte Arbeitsorte Veränderung in Unternehmen unterstützen" fasst zehn Jahre Projekterfahrung des Möbelkollektivs in Case Studies zusammen und ist seit April 2026 erhältlich.
Alina Laßen
Werkstudentin Marketing & Projektmanagement
NUEDIGITAL
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