Start Doing: „Mut und Gewohnheit”

Ein Hai schwimmt im Meer.

Wann warst Du das letzte Mal so richtig mutig? Mit dieser Frage – so ganz nebenbei auf der Opening Night des Nürnberg Digital Festivals gestellt – hat mich Andreas Fehr ganz schön zum Nachdenken gebracht. Jetzt könnten wir diskutieren, was denn genau „mutig“ bedeutet.

Mir hilft dabei immer das Bild vom „Springen“: den festen Boden aufgeben, sich im Ungewissen befinden, nicht vorhersagen können, wie die Landung sein wird. Leider fällt mir zu dieser Kategorie nur ein einziges „Mut-Erlebnis“ ein und das liegt bereits mehrere Monate zurück. Alles andere war vielleicht herausfordernd, aber letztendlich doch wieder in den gewohnten Bahnen.

Gewohnheiten reduzieren Komplexität

Doch warum halten uns diese gewohnten Bahnen so stark? Gewohnheiten sind über die Zeit verselbstständigte Aktivitäten. Das erste Mal erfordert immer noch eine konkrete Absicht. Mit der Wiederholung und zunehmenden Verfestigung brauchen diese Aktivitäten immer weniger gedankliche Kontrolle. Dies spielgelt sich sogar in den Hirnregionen wider, in denen Gewohnheiten dann verankert sind. Vom präfrontalen Kortex, in dem wir bewusste Handlungen entscheiden, wandert die Gewohnheit in subkortikale Hirnregionen wie die Basalganglien ab. Unser Gehirn entlastet sich also konsequent und schaltet das energieintensive Nachdenken aus, wenn es nicht (mehr) erforderlich ist. Woran macht das Gehirn das fest? Am Kontext, in dem unser Verhalten stattfindet. An einem bestimmten Ort, einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Abfolge von Handlungsmustern, die dem Gehirn als Auslöser dienen, um auf „Gewohnheitsmodus“ umzuschalten.

Ein sehr wirksames Verhalten, das wir uns recht einfach zunutze machen können: Indem wir die von uns gewünschten Verhaltensmuster ganz gezielt zu Gewohnheiten heranentwickeln, machen wir uns leistungsfähiger und effizienter. Aktivitäten, die wir als Automatismen ausführen, auf die wir keine Energie verschwenden, halten wir aus unseren Entscheidungen und unserem Bewusstsein heraus. Als Routine das Schreiben von Artikeln immer morgens zur selben Zeit. Den Workout immer direkt nach der Arbeit. Oder zur Entlastung feste Rituale zu jeder Mittagspause. Aber auch jeden Tag dieselbe Kleidung – wie das graue Shirt von Mark Zuckerberg, der blaue Anzug von Barack Obama oder der farbige Blazer von Angela Merkel.

Idealerweise bleibt uns dann die gesamte mentale Energie und Willenskraft für die wesentlichen Entscheidungen erhalten. Und die „decision fatigue“, die Entscheidungsmüdigkeit, wird vermieden. Denn das ist empirisch bewiesen: Der Mensch kann nur eine bestimmte Anzahl an guten Entscheidungen pro Tag treffen. Dann ist der Akku leer. Danach entscheiden wir entweder aus einem Impuls heraus, gar nicht mehr oder eben nach unseren gewohnten Mustern, also quasi im Autopilot.

Bewusst für den Mut entscheiden

Machen wir uns das klar, dann zeigt sich auch, warum es so wichtig ist, das eine vom anderen zu trennen, um nicht genau die Gelegenheiten zu verpassen, in denen wir uns auf jeden Fall entscheiden wollen. Momente, die es erfordern, dass wir mutig sind. Ich muss dabei gezielt dafür sorgen, dass ich meine gewohnte Umgebung, meine Komfortzone verlasse und mich Situationen aussetze, die meinen Mut und auch meine Energie erfordern. Die Dosierung sollte also ganz bewusst geschehen. Gemeinsam ist diesen Momenten, dass wir uns entscheiden, in welchen neuen Kontext wir uns begeben wollen und wo wir Mut zeigen wollen. Denn von alleine – das muss uns klar sein – kommen die „Mut-Erlebnisse“ nicht.

Auch Unternehmen haben Gewohnheiten

Bei Unternehmen nennen wir die Gewohnheiten Prozesse, Standards und Kultur. Im Grunde aber sind sie nichts anderes als Aktivitäten, die (fast) ohne bewusste Entscheidungen ablaufen. Dadurch machen sie ein Unternehmen effizient, ja zunächst sogar überhaupt erst einmal funktionsfähig.

Die Analogien liegen auf der Hand und sollten uns als Leitlinie für die Veränderung im Rahmen der Digitalisierung dienen. Gewohnheiten müssen bewusst aufgebrochen werden. Meetings, Räume, Kommunikation … die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Doch genauso wichtig ist es, die Entscheidungsmüdigkeit zu vermeiden. Welches sind die wirklich wesentlichen Veränderungen, wo braucht ein Unternehmen Mut für Neues und was kann ohne Weiteres im Autopilot weiterlaufen, in den Basalganglien des Unternehmens? „Fokussiert und entschlossen“ stand in der McKinsey-Studie als Antwort auf die Frage, welches Vorgehen für die Digitalisierung das geeignete sei. Genau darum geht es. Alles, was nicht im Fokus ist, sollten wir zunächst als effiziente und „gedankenlose“ Gewohnheit belassen.

Rituale der Veränderung

Deshalb funktionieren auch Design Thinking- und andere Kurzworkshops nur bedingt: Sie implementieren keine Gewohnheiten und erfordern Mut nur im „Workshop-Land“.

Aber dort, wo wir unbedingt Veränderung wollen, Veränderung brauchen, um ins Tun zu kommen, da müssen wir die richtigen Impulse setzen. Mut provozieren. Springen. Um dann daran zu arbeiten, diese neuen Aktivitäten abzusichern, indem wir sie zu Gewohnheiten werden lassen. Wie bei uns persönlich, so auch für das Unternehmen: derselbe Kontext, dieselben Zeiten, dieselben Orte, dieselben Handlungsmuster. Denken wir an den extrem strukturierten und rhythmisierten Arbeitsmodus eines Scrum-Teams. Erst wenn das Team den Autopiloten eingeschaltet hat, ist die Veränderung abgeschlossen.

Neue Gewohnheiten, effizient und „gedankenlos“, die die Freiräume schaffen für das nächste Mut fassen.