Moment, ich mach mir mal einen Termin

Benjamin Damm 2018 Lizenz: Alle Rechte vorbehalten all

Im zweiten Teil unserer Blogserie reist Benjamin Damm nach Bali zur Running Remote Conference und erzählt von seinen Erfahrungen: Wie wird man eigentlich zum digitalen Nomaden und welche Vorteile bietet dieser Lebensstil?

Wir arbeiten  im Durchschnitt 45 Stunden pro Woche. Die Arbeit ist nicht weniger als ein zweites Zuhause. Die Kollegen sind die zweite Familie.

Umso wichtiger ist es, dass wir uns dort wohlfühlen. Besonders diejenigen, die viel im Büro sitzen, kennen die Kehrseiten ihrer Arbeit. Wir treiben zum Ausgleich Sport, Yoga, gehen joggen oder nutzen Meditation. Kurz: Wir bekämpfen Stress. Und wir beginnen auch unser Privatleben minutiös zu planen.

Asien: Im Zentrum der Szene

Um dem Thema auf den Grund zu gehen, reiste ich nach Bali zur Running Remote Conference. Asien ist längst bekannt für seine Aussteiger, Alternativen, Remote-Worker und Tech-Hippies. Ich wollte sie kennenlernen, ihre Lebenskonzepte mit meinem vergleichen und sehen, ob ich mir selbst eine solche Erfahrung zutrauen würde. Es muss nicht gleich das Ausland sein, die eigenen vier Wände können auch zum festen Arbeitsort werden.

Das Thema Remote-Arbeit erhitzt die Gemüter der Arbeitgeber und -nehmer. Die Chefs haben Angst, in den Vertrauensvorschuss zu gehen. So beherrschte oft eine Frage die Diskussionsrunden nach den Talks: Woher weiß ich, dass meine Mitarbeiter auch wirklich arbeiten? Beantwortet wurde die Frage ebenso einfach wie auch tiefgründig: Woher wissen Sie, dass sie im Büro tatsächlich arbeiten?

Ich traf auf Menschen aller Länder und Branchen. Eine Sache stach dabei besonders heraus: Aus der DACH-Region war so gut wie niemand vertreten; und Besucher aus Nachbarländern wie Polen und Frankreich klagten über die konservativen Ansichten in ihren Unternehmen.

Müssen wir uns vielmehr die Frage stellen, was Vertrauen bedeutet?

Freie Zeiteinteilung

Die Arbeit am Computer mit dem Internet erlaubt uns mehr Bewegungsfreiheit. Synchronität mit unseren Kollegen im Office ist kaum noch eine zwingende Anforderung. Zum Arzt gehen, die Kinder hüten, dann arbeiten, wenn man besonders konzentriert ist. Einen Tag Home-Office kann sich jeder vorstellen. Doch komplett remote zu arbeiten, das hat eine ganz andere Qualität!

Zugegeben, ich hatte erwartet, dass auf der Konferenz hauptsächlich Programmierer und Designer ihr Unwesen treiben. Diejenigen, die ohnehin oft als Freelancer von zu Hause aus arbeiten. Überraschenderweise machten diese Leute nur einen Bruchteil der Gäste aus. Ich traf Buchhalter, HRs, Marketing-Leiter, Manager und Entscheider. Zur weiteren Überraschung gab es kaum Freelancer, weniger als drei Prozent. Der Großteil der Gäste arbeitete in festen Arbeitsverhältnissen, voll remote und das seit teilweise über acht Jahren.

Die Kunst der Enthaltsamkeit

Ein Südamerikaner berichtete begeistert, wie er vom Haus mit Heimbüro in Spanien zur spartanischen Wohnung, zum Auto voller Sachen in London, zum Koffer im Nirgendwo wechselte. Über die Jahre, stellte er stolz fest, brauche man eigentlich immer weniger für das echte Leben. Statt mehr und mehr Dinge anzuhäufen, übe er sich in Minimalismus. Klingt nach Askese. Sind das doch alles moderne Hippies?

Es endlich wagen?

Ich beschloss das Ganze als Selbstexperiment im neuen Jahr anzugehen. In kleinen Schritten, damit die Angst langsam der Neugier weichen kann. Geld sparen wie für einen langen Urlaub (falls es schief geht), nach Remote-Stellen suchen, auch international. Lernen, den Konsum einzuschränken, sich auf Wesentliches besinnen. Vielleicht die Wohnung kündigen. Es mit Housekeeping (Hausmeister mit kostenlosem Wohnen) versuchen. Neue Erfahrungen machen. Aber auch zurückkehren und den Menschen aus der DACH-Region beweisen, dass unsere Arbeitswelt längst im Wandel steckt. Und dass das auch gut so ist.

 

Autor: Benjamin Damm