Ist bio das neue digital?

Jochen Hunger 2018 Lizenz: Alle Rechte vorbehalten all

Die eigene DNA aus einem Spucketropfen extrahieren? Beobachten, was im Gartenteich lebt und wie es aussieht? Vielleicht ist das bald in Formaten wie Science Centern oder Fab Labs möglich. Jochen Hunger steht uns Frage und Antwort.

“Bio is the new digital” – eine steile These

Was hat es damit auf sich? Am Rande der diesjährigen ecsite (European network of science centres and museums) Konferenz in Genf fiel dieser Satz in einem Gespräch zwischen Gerd Hombrecher, Ricardo Mutuberria und mir. Unser gemeinsames Anliegen ist, niedrigschwelligen Zugang zu Wissen und Werkzeugen zu ermöglichen. Wir unterhielten uns über unsere jüngsten Erfahrungen in der Arbeit mit Museen, Science Centern, Schulen, mit Wissenschaftlern und mit der interessierten Öffentlichkeit. Die Analyse war: Das Digitale ist in der Gesellschaft angekommen, es hat mehr oder weniger elegant alle Kommunikations- und Produktionsprozesse umgekrempelt und es bricht die Zeit an, in der man es nicht mehr als Ziel, sondern als Mittel sehen und nutzen kann. Wie das Telefon oder das Buch. Nur eben viel mächtiger...

... auch wenn die Digitalisierung erst jetzt auf die politische Agenda kommt.

Ja, es ist kurios. Alle haben Smartphones und produzieren unentwegt digitale Inhalte, aber keiner merkt es.

Mit dem Fab Lab und dem Makerspace sind jedenfalls auch neue Vorbilder für Orte entstanden, an denen mit den technischen Möglichkeiten der Zeit Originelles und Neues geschöpft werden kann, informell, spaßbetont und dennoch effizient. Ich finde es wunderbar, dass in jedem Städtchen auf dem Planeten ein paar Hacker sitzen, und dass die übers Netz mit allen anderen verbunden sind. Deshalb ist digital zum Synonym für fortschrittlich geworden. Das Fortschrittliche am Internet ist aber weniger, dass es digital ist, sondern dass alle mit allen reden können.

Über Bio?

Auch über Bio. Dazu komme ich gleich. Was uns in Genf bewegte, war die Beobachtung, dass Büchereien, Stadtmuseen und Schulen das Digitale umarmen und den Leuten zeigen, was damit fabriziert werden kann. Wir sehen auch, dass Science Center und Museen neue Felder besetzen. Sie bieten neben Themen wie Mechanik, Optik, Elektronik auch Codeschreiben, Objektgestaltung und selbst Musik und Kunstproduktion als Aktivitäten zum Mitmachen und Herstellen eigener Erfahrungen an. Dafür investieren sie in Labs, Studios, Makerspaces.

Neil Gershenfeld, der Vater der Fab Lab Idee, hat 2005 geschrieben, mit den nun erschwinglichen Mitteln des rapid prototyping könne man “(fast) alles selber machen”. Das klingt kühn. Aber es hat tatsächlich dazu geführt, dass Stadtbüchereien heute 3D-Drucker anschaffen. Und dass in Nürnberg Muggenhof Mittzwanziger an der nächsten Generation solcher Maschinen basteln – auf eigene Kosten, und soweit ich sehe, erfolgreich.

Doch der im Wortsinn lebendigste Teil des Maker-Spektrums ist vergleichsweise unbeachtet: Das ist tatsächlich Bio. Dabei umfasst er mit der Agrarbiologie, Pflanzenphysiologie und der Genetik Felder von brennendem Interesse für unsere Zukunft.

Sicher liegt es daran, dass Bio andere Gesetze hat: Bio braucht viel Zeit oder geht zu schnell. Es wirft komplizierte Fragen auf, mit denen man nicht konfrontiert sein will. Es kann schockieren und die Geduld herausfordern. Es ist für die herkömmlichen Vermittlungsformate ungeeignet.

Wir sehen andererseits Faszinierendes. Zum Beispiel, dass es möglich ist, in weniger als fünf Minuten und mit ein wenig Spülmittel und hochprozentigem Alkohol die eigene DNA aus einem Spucketropfen zu extrahieren. Wir können eine handelsübliche Webcam für unter sieben Euro in ein leistungsfähiges 400-fach vergrößerndes Durchlichtmikroskop verwandeln und uns anschauen und dabei filmen, was im Gartenteich lebt und wie es aussieht. Und wenn uns danach ist, können wir uns bei George Church, Professor für Genetik an der Harvard Medical School, in der Bio Academy einschreiben und HTGAA belegen, das heißt übersetzt „wie man (fast) alles wachsen lassen kann“. Wenn du die Webseite der Bio Academy siehst, fühlst du dich wie in der Obhut von Mr. McCoy bei Star Trek. Aber es ist echt, mit einem der Dozenten habe ich vor fünf Jahren den Makerspace auf der ecsite Konferenz gegründet.

Zusammengefasst heißt das, wir haben einfachen Zugang zu noch viel mehr Dingen als wir ahnen.

Wird es ein Projekt geben?

Ja, ich habe sehr positive Signale von allen, mit denen ich über die Idee rede, 2019 die lebendigen Dinge in den Mittelpunkt eines temporären und für alle offenen Experimentierfeldes hier in der Region zu stellen. Insbesondere Anne Reimann, die Leiterin des Kulturamtes in Erlangen, vernetzt und fördert eine Kultur des Zugangs. Und das Umfeld mit der Universität, Uniklinik und Firmen, die sich im Gesundheitssektor und der Medizin bewegen, ist ideal. Ganz abgesehen von einer neugierigen und von den Langen Nächten der Wissenschaft geprägten Öffentlichkeit.

Ich möchte jedenfalls unbedingt herausfinden, was an der Idee, wir könnten fast alles wachsen lassen, wirklich dran ist. Wenn man es nicht probiert, dann weiß man es nicht.

 

Autor: Jochen Hunger