„Hoppla, das haben ja schon fast 600 Leute geteilt.“

Klaus Kleber weint wegen eines Erlanger Busfahrers. Wie Vanessa Schmidt das geschafft hat und was sie überhaupt damit zu tun hat, verrät sie im Interview. In kürzester Zeit wurde aus einem Profilbeitrag ein Bericht in der Regionalzeitung Erlanger Nachrichten und schließlich – über den Umweg der Krautreporter – eine Meldung der Redaktion des heute journal. Wir haben mit Vanessa Schmidt über ihren Post gesprochen. Web Week: Was hat dich dazu bewogen Dein Erlebnis im Bus zu posten?

Ich war persönlich sehr berührt von diesem Moment und wollte das einfach mit anderen teilen. Um zu zeigen, dass es eben nicht nur hasserfüllte, xenophobe Menschen in unserem Land gibt, sondern auch das Gegenteil. Leider hört man in den Medien momentan hauptsächlich von der anderen Sorte. Web Week: Hast du das nur auf Facebook gepostet? Ja, weil es das einzige Netzwerk ist, in dem ich aktiv bin. Web Week: Was kam aus den sozialen Netzwerken direkt zu dir zurück – welches Echo hast Du bekommen? Die unmittelbaren Reaktionen waren zunächst gar nicht so beeindruckend. Der Post hat 32 Likes bekommen, das Foto vom ersten Geburtstag meines Sohnes 44.

Der Geburtstag meines Sohnes hatte mehr Likes.

Geteilt haben es gerade mal drei Leute aus meiner unmittelbaren Kontaktliste. Ich denke, dass viele das Gefühl hatten, dass das so gar nicht passiert sein kann. Alle klatschen, Leute weinen vor Rührung usw. – so was kennt man ja normalerweise nur aus Hollywood-Filmen. Ist aber tatsächlich so passiert. Negative Kommentare habe ich persönlich zum Glück nicht bekommen, dafür ist meine bescheidene 180-Freunde-Gemeinde wahrscheinlich zu gut sortiert. Dafür hatte ich innerhalb kürzester Zeit 40 Freundschaftsanfragen von wildfremden Leuten. In den Kommentarfeldern der Medien, die das Thema aufgegriffen haben, gab es dann aber natürlich die üblichen Sprüche aus der rechten Ecke. Web Week: Welche Erfahrungen hast du mit dem Post gemacht? Ich persönlich bis jetzt nur gute. Allerdings bin ich ein bisschen besorgt, ob ich Herrn Latteyer selbst damit einen Gefallen getan habe. Auf ihn stürzen sich jetzt natürlich alle und kaum ist er in den Medien gefeiert worden, wird schon sein Facebookprofil durchstöbert und irgendwelche Likes und Posts thematisiert, die nicht in das Bild vom uneingeschränkten Helden passen – unter anderem hat er der AfD ein Like gegeben. Aber, das gehört eben auch dazu und eventuell kann dadurch sogar eine konstruktive Diskussion darüber entstehen, woran es liegen könnte, dass selbst Menschen, die offensichtlich alles andere als ausländerfeindlich sind, von einer Partei wie der AfD angezogen werden. Web Week: Hast du gemerkt, dass er viral geht? Schon am Sonntagabend, also noch bevor die Erlanger Nachrichten das Thema als erstes Nachrichten-Medium aufgegriffen haben, habe ich festgestellt, hoppla, das haben ja schon fast 600 Leute geteilt. Was dann noch nachkommen würde, damit hätte ich allerdings nicht gerechnet. Einer meiner drei Kontakte, die den Post geteilt haben, betreibt ein Online-Stadtmagazin für Erlangen auf Facebook und hat ungefähr 1200 Abonnenten, von denen 687 den Post geliked haben. Ich denke, dass die virale Wirkung letztendlich über seine Seite entstanden ist. Und, dass die Geschichte zum Schluss nochmal so durch die Decke gegangen ist, lag dann vermutlich eher am Frosch in Claus Klebers Hals, als an meinem Post an sich.

Web Week: Würdest du den Post so nochmals machen? Ich würde mir vorher mehr Gedanken über die Formulierung machen. Ursprünglich hatte ich in meinem Post nicht von Flüchtlingen, sondern von Ausländern gesprochen. Dass es tatsächlich Flüchtlinge waren, konnte ich ja nicht wissen. Dass es keine Migranten aus der zweiten Generation waren, war für mich in dem Moment aber gefühlsmäßig auch irgendwie klar. Die Erlanger Nachrichten hatten meinen Wortlaut genauso abgedruckt und haben dafür – berechtigterweise – in den Kommentaren einige Kritik geerntet. Denn, woran erkennt man, ob es sich tatsächlich um einen Ausländer, oder um jemanden mit Migrationshintergrund handelt, der hier geboren und aufgewachsen ist, und dessen Gefühle regelmäßig dadurch verletzt werden, dass er stur in die Kategorie „Ausländer“ gepackt wird. Daraufhin habe ich den Post nochmal bearbeitet und die Formulierung geändert. Falls ich jemals wieder in die Situation kommen sollte, so einen bewegenden Moment mitzuerleben, würde ich ihn aber definitiv wieder mit anderen teilen.


Text: Christian Wolff / Web Week