Interview mit der Handwerkskammer: Tradition im digitalen Wandel

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Das Handwerk trifft mit bodenständigen und regionalen Werten auf cloudbasierte Plattformen. Wie werden heutzutage Brücken gebaut, um den digitalen Endkunden zu erreichen? Die Handwerkskammer für Mittelfranken gibt Antworten zum Thema Digitalisierung im Handwerk.

Die Handwerkskammer hat dieses Jahr gleich zwei Events im Rahmen des Nürnberg Digital Festivals veranstaltet. Was wurde den Teilnehmern dieser Veranstaltungen geboten? 

Anne-Kathrin Kirchhof: Unter dem Titel „Darf’s ein BITchen mehr sein“ durften die Teilnehmer am 17. Juli in einer Workshop-Atmosphäre ihre Wünsche und Anregungen zum Thema digitales Handwerk einbringen. In vier konkreten Szenarien haben wir gemeinsam das Handwerk auf die Bedürfnisse der Kunden abgeglichen.

Ein Beispiel: Eine Augenoptikmeisterin und ihre Angestellten setzen mittlerweile ausschließlich auf ein digitales Marketing. Sie und ihr Team erstellen sog. Insta-Stories auf der Social-Media-Plattform Instagram, um somit eine größere Zielgruppe in einem weiteren Einzugsgebiet zu gewinnen. Damit diese Vertriebsstrategie authentisch ist, überlässt sie ihren Mitarbeitern ihren eigenen Stil. 

Wie schaffen es Betriebe den Spagat zwischen dem tradierten Handwerk und
der digitalen Welt zu schließen? 

Wilhelm Scheuerlein: Von der Planung eines Gebäudes mit Building Information Modelling kurz BIM bis hin zum Betrieb, wird sich das Handwerk stark verändern. Die Automatisierung übernimmt standardisierte Prozesse durch CNC-Fräsmaschinen in den Schreinereien und der 3D-Druck erstellt heute schon Unikate wie Häuser oder serienfertige Formteile. 

Welche Vor- und Nachteile ergeben sich durch Plattformen wie Amazon, MyHammer oder Doozer?

Wilhelm Scheuerlein: Ich kenne kaum ein Unternehmen, das über diese Plattformen Geschäftsprozesse abwickelt. Die meisten dieser Plattformen sind preisgetrieben und damit ergibt sich ein großer Nachteil für das Handwerk. Dieses kalkuliert mit Aufschlägen für Material und Lohn und schneidet deshalb schlechter ab.

Ein Beispiel: Der Endkunde kauft bei einem Onlineversandhändler eine komplette Badausstattung und möchte diese von einem zertifizierten Installationsunternehmen montiert bekommen. Dies führt in den meisten Fällen dazu, dass der Handwerker dieses Angebot ablehnen wird, da dieser bei einer etwaigen Installation die Gewährleistung auf diese Gegenstände übernehmen muss. 

In den nächsten Jahren stehen wir vor einem Wechsel der Unternehmensführung in vielen Handwerksunternehmen. Wie attraktiv sind die Unternehmen für die Nachfolge?

Wilhelm Scheuerlein: Dieses Thema wird uns in den nächsten zehn Jahren für ca. 5000 Betriebe in Mittelfranken beschäftigen. Dabei digitalisieren viele derzeit ihre internen betriebswirtschaftlichen und technischen Prozesse und kommunizieren bereits über Social-Media-Kanäle mit dem Kunden. Mit einer digitalen Organisation wird einerseits der Unternehmer entlastet, andererseits lässt sich somit das Unternehmen besser steuern. Digitale Unternehmen sind auf dem Markt besser aufgestellt und sind attraktiver für Auszubildende und Existenzgründer.

Im Interview standen die Repräsentanten der Handwerkskammer für Mittelfranken Anne-Kathrin Kirchhof, Stabsstellenleiterin Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsmanagement, und Wilhelm Scheuerlein, Leiter der Abteilung Wirtschaftsförderung.