Book Sprint: im agilen Spurt zum Buch

„Das erste Spiel der deutschen Mannschaft stand an. Wir mussten also bis Sonntag 17 Uhr fertig sein.“ – Während die Nationalelf im WM-Sommer 2018 schon früh zum Scheitern verurteilt war, legte eine Experten-Community in der kleinen fränkischen Metropolstadt Forchheim an einem heißen Juni-Wochenende den Grundstein für ein erfolgreiches Projekt: Beim ersten fränkischen Book Sprint stürzten sich 24 Teilnehmer*innen in der Digitalwerkstatt von Annika Leopold in das Abenteuer „Ein Buch in drei Tagen“.

Einfach mal machen! – wie ein New-Work-Buch entsteht

Während das Rahmenthema „HR zum Gestalter machen“ bereits feststand, waren sämtliche Inhalte im vorgegebenen Zeitrahmen zu erarbeiten. Agile Arbeitsmethoden halfen, den kreativen (Schreib-)Prozess ins Laufen zu bringen, gleichzeitig den Fokus und die Ausrichtung nicht zu verlieren.

So wurden aus zwei Dutzend Expert*innen ihres Fachs nicht nur im Handumdrehen Autor*innen auf Zeit, sondern auch Wegbereiter*innen, Talententdecker*innen oder Potenzialentfalter*innen – je nach Beitragsschwerpunkt, den sich jede*r selbst für das Buch gewählt hatte. Den Prozess am Laufen hielten die Initiator*innen mit kreativen Impulsen, sportlichen Pausen und lecker Essen, ein künstlerischer Inspirator mit dem notwendigen Blick von außen und ein Visual Coach, die (Un-)Gesagtes in Sketchnotes bildlich werden ließ und damit für so manches Aha-Erlebnis sorgte. Eine erfahrene Journalistin mit dem Blick fürs Wesentliche stand rund um die Uhr für stilistische Tipps und formale Hilfestellung bereit. Im Tandem, im größeren Team, in wechselnder Zusammensetzung und zwischendurch auch im Alleingang entstanden so fundierte Inhalte zum Thema „New Work“, für die ein*e Verfasser*in alleine viel Zeit gebraucht und vermutlich kaum so viel Spaß gehabt und neue Erkenntnisse gewonnen hätte. Aber stopp, jetzt nochmal von vorne:

Was ist eigentlich ein Book Sprint?

Als Methode zielt ein Book Sprint auf die Konzeption, das Schreiben und die Auslieferung eines Buches innerhalb von einer Woche. Ein Book Sprint dient der Wissensproduktion, bei der mehrere Verfasser gemeinsam Handbücher und Ratgeber erstellen. Innerhalb kürzester Zeit sollen die Expert*innen dabei einen Fachartikel zu ihrem Spezialgebiet schreiben. Der Ansatz kann ergebnisoffen sein, indem der Sprint das Thema setzt bzw. die Richtung vorgibt und das Werk später durch weitere Autor*innen unbefristet und nach fortschreitendem Kenntnisstand zum Thema online fortgeschrieben wird. Entlehnt ist der Ansatz den Programmiersprints in der agilen Softwareentwicklung.

In der Digitalwerkstatt konzentrierte man sich auf den Kernprozess: das Schreiben in drei Tagen, mit dem Ziel der anschließenden Buchpublikation. Warum nur drei Tage? Das lag zum einen an der Verfügbarkeit der Expert*innen – alle waren unter der Woche in ihren Jobs eingebunden, zudem übers Land verteilt –, zum anderen am offenen Ausgang des Projekts: Denn keine*r wusste am Freitag, ob es zu schaffen war, am Sonntag tatsächlich mit einem akzeptablen Ergebnis nach Hause zu gehen. Ein intensives Wochenende schien also bestens geeignet, um so direkt wie möglich in die Thematik einzusteigen und dabei den bestmöglichen Output zu erzeugen.

Kreativität auf Knopfdruck?

Die Ideen ins Fließen bringen, dabei den Schreibprozess anstoßen und gleichzeitig den kreativen Flow halten – das sind nicht wenige Herausforderungen. Wie kann das gelingen? Die Organisator*innen, die gleich zu Beginn den Stab an die Teilnehmer*innen abgaben, setzten auf Eigenverantwortung und agile Mindsets, wobei analoge und digitale Techniken sinnvoll ineinandergriffen.

„Wir alle leben und erleben seit vielen Jahren das, was New Work genannt wird. Die Grundwerte haben wir mit dem Vertrauen, dass aus Freiwilligkeit Engagement und Kreativität entstehen, alle sehr gut verinnerlicht. Und wir waren alle von dem Gedanken eines konkreten Ergebnisses motiviert: ein haptisches Buch in unseren Händen zu halten. Ein solches Ergebnis spornt einfach enorm an.“ (Dorothee Brommer, Mit-Organisatorin des Book Sprints)

Digitale Tools hielten den Informations- und Wissensstand auf einem Level:

  • Asana für die Projektorganisation
  • Slack für die Team-Kommunikation
  • Google Drive als gemeinsames Ablagesystem

Als Methoden-Tools kamen

  • Canvas
  • Kanban
  • Scrum

zum Einsatz, neben weiteren Workshop-Methoden zur Förderung des Austauschs.

Autor*in werden ist nicht schwer, Autor*in sein manchmal sehr

Lähmende Schreibblockaden und die Angst vorm weißen Screen – auf dem Weg zum Ziel mussten die Book Sprinter die ein oder andere Hürde nehmen. Sie aufzulösen lag in den Händen der Teilnehmer*innen selbst, die mit sportlichen, künstlerischen und mentalen Hacks die eigene Kreativität wieder zum Laufen und die Tasten zum Glühen brachten. Apropos: Manch eine*r wurde gesehen, wie er ganz analog mit Stift und Papier zur Niederschrift im Nebenraum verschwand …

Mit dem wirksamen Buddy-Prinzip wurde in einer ersten Feedback- und Korrekturschleife direkt vor Ort sichergestellt, dass es kapitelübergreifend nicht zu doppelten Inhalten und Wiederholungen kam. Wichtig war dabei allen Beteiligten, dass im Sinne von „New Work“ durchaus kontroverse Sichtweisen erwünscht waren, die im Buch ihren Ausdruck finden sollten. Eine der Autorinnen übernahm die zweite Korrekturschleife. Darüber hinaus gab die Journalistin Sabine Hockling Tipps zu Stil und Orthographie und sorgte für den Feinschliff. Die übergeordnete Struktur entwickelten die drei Herausgeber*innen in einem eintägigen Follow-up einige Wochen später in Hamburg. Anschließend wurde das Werk einem finalen Lektorat unterzogen, bevor es das Herausgeberinnen-Trio schließlich beim Verlag einreichte.

Die Learnings

Gleich vorweg: Sie haben es geschafft, alle zusammen. Ein halbes Jahr später blicken die „Book Sprinter“ in ihren unterschiedlichen Rollen als Organisator*in, Autor*in, Journalist*in und Impulsgeber*in durchaus stolz auf ihr Projekt zurück und kommen dabei zu unterschiedlichen Erkenntnissen:

„Ich würde eher fünf statt nur drei Tage einplanen und weniger Autoren einbinden, diese dafür aber mit stärkerem Commitment. Mit dem Verlag sollten wir schon früher verbindliche Absprachen/Zusagen bezüglich eines Veröffentlichungstermins treffen. Mehrere feste Lektoren könnten schon direkt zum Book Sprint selbst eingeladen werden. Vielleicht entsteht beim nächsten Sprint ein Living Book, das ohne Limitierung durch Format und Zeit online aktualisiert und ergänzt werden kann. Auf jeden Fall wissen wir jetzt, dass trotz allem Spaß ein Book Sprint kein Spaziergang ist, sondern eine ganze Menge Arbeit drinsteckt, die gut vor- und nachbereitet sein will.“ (Organisator*in Book Sprint)

„Die Arbeit am Text sollte nicht unterschätzt werden. Das heißt, nachdem der inhaltliche Prozess abgeschlossen ist, braucht es eigentlich noch eine Session für die Textarbeit. Oder aber es gibt ein bis zwei Personen, die das übernehmen. Am Ende ist es viel Arbeit, die man am Anfang kommunizieren sollte. Damit jeder weiß, was konkret auf ihn zukommt.“ (Journalist*in Book Sprint)

„Agile Methoden wie der Book Sprint funktionieren nur, wenn man als (unerfahrener) Teilnehmer wirklich mitmachen will und man dafür brennt, diese Erfahrung zu machen. Für einen kurzen Zeitraum muss alles andere in den Hintergrund treten und man muss sich auf den Prozess einlassen, das heißt versuchen nicht zu viel Kontrolle ausüben zu wollen und offen zu sein für inhaltliche Vorschläge.“ (Autor*in Book Sprint)

„Ich habe am Anfang gedacht, das Buch müsse wie aus einer Feder geschrieben sein, das heißt die Texte aufeinander abgestimmt. Erst als ich begriffen habe, dass es um eine Sammlung von Expertenbeiträgen geht, die zu einem Thema unterschiedliche Aspekte beleuchten, ist bei mir der Knoten geplatzt und ich konnte loslegen.“ (Autor*in Book Sprint)

„Als Impulsgeber schaffen wir den Rahmen, unterbrechen aber nicht den kreativen Flow. Als Coach, Ideen- und Feedbackgeber sind wir dabei andauernd verfügbar und haben Kreativmethoden in der Hinterhand, die wir aber nicht einsetzen müssen. Dazu haben wir vom Start weg eine Barcamp-Atmosphäre geschaffen, um Kennenlernen, Lockerheit und den gemeinsamen Spirit zu ermöglichen.“ (Organisator*in Book Sprint)

Schreiben, Wissen teilen, Community bilden: Ist das für jede*n etwas?

Je besser sich ein Thema strukturieren und in relativ isolierten Kapiteln behandeln lässt, desto besser eignet sich ein Book Sprint als Methode. Organisator*innen, die keine Lust haben, Communities zu bilden oder zu bespielen, sollten besser die Finger davon lassen. Auch für Kontrollfreaks ist diese Methode nichts, denn ohne das Vertrauen, dass die Gruppe sich meist selbst trägt, entsteht nichts Neues. Gleichzeitig benötigt es aber auch so viel Rahmen durch die Organisator*innen, dass sich Dinge geordnet und doch frei entwickeln können. Das Community-Building ist wichtig für den Prozess, da man die Teilnehmer*innen auch in der Nacharbeit möglichst motiviert halten muss. Nur dann spornt sich die Gemeinschaft selbst gegenseitig an und fühlt sich dem Projekt verpflichtet.

Finale, oho!

Erschöpft, aber glücklich waren sie am Ende. Allein, das „runde“ Ergebnis des kreativen Drei-Tage-Flows in Buchform zu bringen, verlangte noch einige Fleißarbeit und Zusatzstunden – um schließlich komplett ins Ziel zu sprinten. Das Buch „Faszination New Work: 50 Impulse für die neue Arbeitswelt“ (ISBN: 9783658246174) erscheint im Frühjahr 2019 im SpringerGabler Verlag.

Mehr Infos zum Book Sprint 2018 in der Digitalwerkstatt gibt es unter Changing the Game