Nürnberg trotz(t) Corona: „Windelhäusla“ goes digital

Folge 2: Windelhäusla, Ammerndorf

Windelhäusla
© 2020 Windelhäusla

19.08.2020, Lisa Schürmann

Die Corona-Pandemie hat uns seit Monaten fest im Griff. Immer mehr Firmen, Künstler*innen und Selbstständige bangen um ihre Existenzen. Eine besondere Herausforderung war die Zeit der Ausgangsbeschränkungen im Frühjahr. Mutig stürzten sich damals viele Einzelhändler*innen ins Digitale. Auch Alexandra Pecic trotzt der miesen Corona-Stimmung. Leidenschaftlich kämpft sie seit Monaten für ihr Familien-Fachgeschäft „Windelhäusla“. Dabei setzt die 38-Jährige frühere Projektmanagerin auch auf digitale Ideen.

Alexandra Pecic
© 2020 Nicole Marincic Fotografie

Was war deine erste Reaktion, als es im März hieß: Alle Geschäfte müssen dicht machen?
Nachdem ich mein Geschäft das letzte Mal öffnen durfte, ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ich habe stundenlang geweint. Doch sobald die Panik kommt, verfalle ich in Aktionismus. Und daraus ist all das entstanden, was mein Team und ich umgesetzt haben. 
Für mich ging es die ganze Zeit darum, irgendwie zu überleben. Ich muss meine Miete bezahlen und wollte unbedingt meine Mitarbeiterinnen halten, und zwar ohne sie in Kurzarbeit zu schicken bzw. ohne meine 450-Euro-Kräfte abzumelden. Das haben wir geschafft.

Dabei habt ihr alles aufs Digitale gesetzt. Euer Krisen-Web-Shop ging ja ziemlich schnell online …
Fairerweise muss ich sagen: Den Online-Shop gab es bereits als Test-Variante. Das Einpflegen der Produkte ließ sich jedoch nicht automatisieren. Daran saß ich dann noch die ein oder andere Nachtschicht …
Die Online-Einkäufe haben wir im Umkreis persönlich ausgeliefert. Alle anderen Bestellungen gingen per Post raus. Nach einiger Zeit sind wir an unsere Grenzen gestoßen und haben auch Abholung angeboten.

Web-Shops kennt man ja von vielen Läden. Was hast Du dir damals sonst noch überlegt?
Die Menschen konnten täglich zu einer bestimmten Uhrzeit digital bei uns shoppen über WhatsApp-Video-Call. Zusätzlich gab es ein tägliches Live auf Facebook und Instagram. Darin habe ich eine bunte Produkt- und Themen-Mischung vorgestellt: Kinderspiele zur Beschäftigung in der Corona-Zeit, Menstruations-Tassen, plastikfreies Badezimmer und vieles mehr. 

Wie waren die Reaktionen? 
Digitaler Einkauf und Live-Sessions kamen super an. Gerade zu den Live-Videos habe ich ganz viel positives Feedback bekommen. Es gab im Anschluss diverse Bestellungen per PN bzw. DM.

Mit welchen Produkten konntet ihr punkten?
Best-Seller war und ist unsere SpieleTÜte: Online wurden uns das Alter des Kindes, seine Interessen etc. mitgeteilt. Wir haben aus unserem Sortiment dann Päckchen gepackt – im Gesamtpreis günstiger und für eine abwechslungsreiche Zeit zuhause. Das kam unglaublich gut an. Omas haben im Video-Call für ihre weit entfernt lebenden Enkelkinder bestellt, Tanten Oster-Geschenke geordert, Eltern ihre Kinder „einfach mal so“ überrascht. 

Kinder- und Babykleidung im Windelhäusla
© 2020 Windelhäusla

Seit einem Vierteljahrhundert ist das „Windelhäusla“ die Anlaufstelle für (werdende) Eltern im Landkreis Fürth. Mitten im beschaulichen Ammerndorf, rund 15 Kilometer westlich der Kleeblattstadt gelegen, stöbern normalerweise Alt und Jung zwischen Kinderkleidung, Spielzeug, Matsch-Sachen, Öko-Waschmittel und – na klar – den namengebenden Stoff-Windeln. Im Sommer 2017 übernahm Alexandra Pecic das Traditionsgeschäft.

Digital werden ist manchmal ein „Sprung ins kalte Wasser“. Wie war das bei euch? 
Technischen Support für die Notfall-Ideen hatte ich nicht. Früher war ich im Online-Marketing tätig, da hatte ich gewisse Grundlagen. Außerdem war ich schon immer aufgeschlossen gegenüber Social Media und an Technik interessiert. 
Vor Corona habe ich das Windelhäusla jedoch bewusst nicht digital geführt. Uns zeichnen seit jeher die enge Bindung und persönliche Beratung aus. Ein Online-Shop passte da nicht ins Konzept. E-Mail-Marketing und Facebook gab es jedoch bereits, als ich den Laden übernahm. Später habe ich einen WhatsApp-Newsfeed und einen Instagram-Account eingerichtet. All diese Kanäle kamen mir im März dann zugute, um Kontakt zu halten. Mittlerweile leben wir unseren Ansatz der persönlichen Beziehung auch digital. 

Konntet ihr digital auch neue Kund*innen gewinnen?
Auf Facebook und Instagram habe ich Sponsered Posts genutzt. Über deren Nutzen kann man streiten. Viele sagen: Das bringt nichts. Ich für meinen Teil habe meine Community auf Facebook und Instagram sogar erweitert und auch wirklich Verkäufe darüber generiert. Eine Kosten-Nutzen-Auswertung habe ich allerdings noch nicht erstellt. Dafür war in den letzten Wochen schlichtweg keine Zeit. 

Seit Ende April dürft ihr unter Auflagen wieder öffnen. Was heißt das für die neuen Online-Angebote?
Unseren Notfall-Online-Shop habe ich umgebaut und mit verschiedenen Aktions-Angeboten bestückt, ähnlich unserer SpieleTÜte. Unsere Kunden können weiterhin per WhatsApp vorbestellen und die Sachen dann bei uns abholen. Ich versuche so auszugleichen, dass wir ja nur eine begrenzte Anzahl an Kunden in den Laden lassen dürfen. 
Alles rund um Schwangerschaft und Geburt ist sehr beratungsintensiv. Die Zeit dafür wollen wir uns auch weiterhin nehmen. Die digitale Abwicklung „einfacher“ Einkäufe wie Geschenk-Gutscheine macht das möglich.
Parallel dazu arbeite ich mit einer Agentur an einer Warenwirtschaft und einem professionellen Onlineshop – verknüpft mit einem CRM und der Digitalisierung unseres Windelhäusla-Freunde-Programms. All das war schon vor Corona geplant. Das Windelhäusla soll zukunftsfähig werden. Einige der Corona-Notfall-Maßnahmen werden sicher ihren Weg in das neue Konzept finden …

Wie schaffst du es, nicht den Mut zu verlieren?
Ich bin nach wie vor überwältigt von all der positiven Resonanz und dem Rückhalt unserer Stammkunden. Für mich persönlich hieß das furchtbar viel Arbeit. Meine beiden Kinder haben mich kaum gesehen. Glücklicherweise konnte ich in der Kinderbetreuung auf meinen Ex-Mann zählen. 
Der Laden ist nicht nur meine Lebensgrundlage, sondern ein wirkliches Herzens-Projekt. Für unsere Kundinnen bin ich mal die Beraterin, mal die andere Mama, die einfach zuhört. Ich glaube fest daran, dass dieses Konzept gut, richtig und wichtig für unsere Gesellschaft ist. So etwas gibt man nicht auf. 
Außerdem glaube ich, dass alles, was passiert, für irgendetwas gut ist. Auch wenn in dieser Corona-Situation zuerst nun wirklich kein Nutzen erkennbar war. Mittlerweile sehe ich es als Chance, mich weiterzuentwickeln, meine Komfortzone zu verlassen und Neues auszuprobieren. Die eine Idee wird funktionieren, die andere nicht. 

Das "Windelhäusla" online:

Über die Blogserie

Die Corona-Pandemie fordert uns weltweit heraus. Wer kann, bleibt in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen zu Hause. Währenddessen bangen kleine Firmen, Künstler*innen und Selbstständige um ihre Existenzen. Gemeinnützige Organisationen müssen auf den direkten Kontakt zu Mitmenschen verzichten. Mit Engagement, Kreativität und Mut stürzen sich nun viele ins Digitale. Diese Blog-Reihe stellt Menschen aus Nürnberg und der Metropolregion vor. Sie alle trotzen Corona und kämpfen für ihre Träume.

Lisa Schürmann

Nordlicht in Franken. Liebt Blogging, Kommunikation, Meer, Web, … Menschen! Interesse: Wie verändert Digitalisierung unsere Gesellschaft?

Weitere Beiträge aus der Serie "Nürnberg trotz(t) Corona"

LUX Jubiläum

Kirche mal anders – dafür ist die Junge Kirche LUX weit über Stadtgrenzen hinaus bekannt. In der Corona-Krise hat sie ein beeindruckendes digitales Mitmach-Angebot auf die Beine gestellt.